Regulieren und verarbeiten: Das Bild vom Topf
Ich sitze in meinem Praxisraum im Bauwagen und lasse die vergangene Woche Revue passieren. Menschen, die plötzlich beginnen, ihre Stärke zu finde, ihren inneren Weg sehen oder einfach endlich wieder Freude fühlen kommen mir in den Sinn. Aber auch Menschen am Beginn ihrer therapeutischen Reise: Überwältigt von Gefühlen, beladen mit Sorgen, Trauer und Schmerz von inneren Verletzungen.
Eine meiner Aufgaben ist es, Bilder zu finden für innere Gefühle und Prozesse, die verdeutlichen, was mit Worten manchmal schwer zu fassen ist. Denn solche Bilder sind oft eine gute Brücke, um die eigenen Gedanken zu ordnen.
Eines dieser Bilder stelle ich heute hier vor.
Der Topf mit dem Deckel: Hier geht es nicht um das Bild einer Beziehung („Auf jeden Topf passt ein Deckel“), sondern um den Druck, dem viele Menschen in ihrem Alltag ausgesetzt sind. Sie leben in Strukturen - familiär, Job-bezogen, gesundheitlich etc. - die Druck erzeugen. Oder sie setzen sich selbst unter Druck durch Erwartungen an sich selbst und andere. Oder es sind Erinnerungen und Erfahrungen, die ihnen keine Ruhe lassen. Der Topf kocht hoch, steht unter Druck. Manche Menschen erleben dann psychische Symptome wie Ängste, Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit, kreisende Gedanken. Oder es kommt zu körperlichen Symptomen: Magenproblemen, Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Atembeschwerden, Hautreaktionen.
Jetzt gibt es zwei wichtige Maßnahmen, wenn ein Topf droht, über zu kochen: Deckel drauf und Hitze runterdrehen! Man macht schnell einen Deckel drauf, hält ihn notfalls auch mit Kraft fest. Dann kocht es zumindest erstmal nicht mehr über. Gefahr gebannt, könnte man meinen. Im Topf kocht es aber weiter. Der Druck wird eher mehr als weniger und das, was im Topf ist, verkocht mit der Zeit…
Analog zum Deckel gibt es in der Psychotherapie eine ganze Reihe von Regulationsstrategien. Von Atemübungen über saure Bonbons, kalte, warme oder stachelige Dinge zum Fühlen… Ich helfe gerade in der ersten Phase der Therapie meinen KlientInnen dabei, verschiedene Möglichkeiten kennenzulernen und auszuprobieren. Was passt? Was fühlt sich gut an? Manchmal legen wir gemeinsam eine „Skill-Tasche“ an, mit vielen kleinen Dingen, die helfen, wenn die Emotionen plötzlich zu stark werden. Sich regulieren zu können gibt Sicherheit und stärkt das Gefühl der Selbstwirksamkeit. KlientInnen berichten, dass sie sich endlich wieder raus trauen, Panikattacken bewältigen oder nachts besser wieder einschlafen können.
Ist die unmittelbare erste Symptomatik schwächer, das Gefühl der Selbstwirksamkeit dafür stärker, wird es Zeit, sich dem zuzuwenden, was den Topf so stark zum Kochen bringt: Welche Erinnerungen, welche Strukturen, welche Wunden in der Seele sorgen dafür, dass der Topf immer wieder hoch kocht, dass die Symptomatik zwar regulierbar ist, aber einfach nicht abnimmt? Hier beginnt nun die Reise, die für jede/n anders ist. Und dann wird, nicht kontinuierlich und vorhersagbar, aber dann doch überraschend deutlich, dass der Druck abnimmt. „Das ist wie magisch: Wenn ich jetzt daran denke, tut es viel weniger weh - eigentlich gar nicht mehr. Ich erinnere mich zwar, aber es ist nicht mehr schlimm.“ „Manchmal fange ich wirklich an, mich selber zu lieben!“ „Da wo vorher die Blockade war, ist jetzt Freude und Zuversicht.“ Das sagten KlientInnen in den letzten Wochen zu mir, wenn wir darüber sprachen, wie sich die Gefühle im Laufe der gemeinsamen Zeit verändern. Der nachlassende Druck wird richtig spürbar als Aufatmen im Alltag.
Was bleibt ist, um in dem Bild zu bleiben, die Fähigkeit, flexibel zu reagieren, wenn der „Topf überkocht“: Das Wissen einerseits um Skills zur schnellen Regulation und gleichzeitig die Fähigkeit, zu spüren, was die aktuellen Gründe sind und wie man damit umgehen kann. Und dann ist meine Arbeit als Therapeutin getan und ich verabschiede mich von Menschen, die ich ein Stück weit begleiten durfte. Mit meinem Herzen, meiner Seele, meinem Wissen - und mit meinen Bildern.